Sozialethiker*innen distanzieren sich von rechter Zeitschrift

Die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik, der Zusammenschluss der Sozialethikerinnen und Sozialethiker im deutschsprachigen Raum, hat zum Boykott der Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ aufgerufen. Grund dafür sei die zunehmend rechtsextreme Ausrichtung der Publikation. In einer Erklärung der AG heißt es dazu:

Wir anerkennen, dass es notwendig ist, sich auch mit den Positionen des Rechtspopulismus und der extremen Rechten auseinanderzusetzen. Wer aber deren Stereotypen und Ressentiments reproduziert, deren Ausgrenzungen und Abwertungen kritiklos übernimmt und deren Politik der Skandalisierung und Empörung verstärkt, stellt sich außerhalb der Grenzen eines seriösen Fachdiskurses […].

Quelle: Pressemitteilung der AG Christliche Sozialethik

Der vollständige Text ist online abrufbar. Weitere Informationen und erste Reaktionen auf den Aufruf hat der Deutschlandfunk in einem Artikel zusammengestellt.

2 Kommentare on "Sozialethiker*innen distanzieren sich von rechter Zeitschrift"


  1. Verehrte Kollegen aus der katholischen Sozialethik,

    ich bitte Sie dringend, Ihre öffentliche Erklärung gegen die »Neue Ordnung« von Pater Ockenfels zurückzunehmen. Meines Erachtens haben Sie sich hier auf geradezu tragische Weise verrannt. Es ist bedrückend, wenn auch sozialpsychologisch erklärlich, wie Kollegen und Kolleginnen, die als Einzelpersonen menschlich zu schätzen für mich durchaus Anlaß besteht, im Kollektivzusammenhang einen solchen Text verantworten wollen.

    Erhoben wird nicht zuletzt der Vorwurf des Rechtsextremismus. Dies sollte man nicht leichtfertig tun. Assoziiert wird mit Rechtsextremismus, zumindest in Deutschland, sofort der Nationalsozialismus – und damit unfaßbares Unrecht, das man schon um der Ehre und Ruhe der Toten willen sehr behutsam erörtern sollte. Für eine Kampfaktion gegen einen anders­denkenden Kollegen ist dieses Thema zu ernst. Etwas gründlicher hätten Sie sich auch überlegen müssen, ob Sie wirklich eine Säuberung von Bibliotheken fordern wollten. Mir scheint die gesamte Erklärung stark von autoritärem Denken geprägt. Würde eine Ausgrenzungshandlung wie diejenige, die Sie anstreben, von rechtsautoritären Kreisen prakti­ziert (etwa im Sinne eines repressiven Antikommunismus), gäbe es vermutlich einen Aufschrei. Einen kaum sehr guten Eindruck macht auch der zarte Hinweis an den Orden, sich doch einmal Gedanken zu machen, wie man mit der Persona non grata Ockenfels verfahren könne. Hier verbünden Sie sich unverhohlen mit ekklesialen Machtstrukturen, die kritisch zu hinterfragen die christliche Sozialethik ansonsten gerne für sich in Anspruch nimmt. Es hat den Anschein, daß Herrschaftstechniken aus der Zeit der Antimodernisteneide und der indizierten Bücher durchaus bejaht werden – wenn sie nur der für gut gehaltenen Sache dienen.

    Wenn dieses Manifest Erfolg zeitigen sollte, dann wäre Pater Ockenfels zum Schweigen gebracht, mehrere Forscher und Publizisten vielleicht ebenfalls. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es geistig kreativen Menschen Freude bereiten kann, an einem solchen Ziel zu arbeiten. Was soll daran Gutes sein, Mitmenschen zum Schweigen zu bringen, ihnen wegzunehmen, was ihnen Freude macht (etwa: die Herausgabe einer Zeitschrift)? Ist es nicht sehr viel sinnvoller, stattdessen dafür Sorge zu tragen, daß man selber nicht schweige, daß man selber etwas zu sagen habe? Wer geistig arbeitet, braucht keine Macht über andere, erst recht keine destruktive Macht. Das eigene Innenleben ist als Herrschaftsgebiet schon groß genug. Am Verbot hat geistiges Leben keine Freude, eher am offenen Wort, an der Vielfalt unterschiedlicher Ideen (die man nicht erleben kann, ohne sich permanent ärgern zu müssen). Vor meinem ewigen Richter möchte ich jedenfalls nicht dereinst bekennen müssen, mit Erfolg unerwünschtes Denken ausgemerzt zu haben.

    Was wäre für Sie eine sinnvolle Handlungsalternative zu dieser unglücklichen Erklärung? Denn daß Sie einfach wortlos blieben, ist ja erklärtermaßen nicht wünschenswert. Die Antwort ist bestechend einfach: Setzen Sie sich, je in persönlicher Verantwortung, mit Pater Ockenfels individuell auseinander, nicht nach dem Alle gegen Einen-Prinzip. Schreiben Sie Artikel, die Positionen aus der Neuen Ordnung detailliert wiederlegen und im Vollzug dieses Diskursgeschehens methodische und inhaltliche Innovation realisieren. Das ist guter Wissenschaft möglich, und nur das erschiene dann auch fair. Und der Gegner hat nicht, bevor der Kampf schon begonnen hat (den es ja durchaus geben darf), einen moralischen Sieg errungen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ihr

    Jan Dochhorn


  2. Anm. d. Red.: Die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik hat Anfang April 2019 auf die hier und andernorts geäußerte Kritik am Aufruf reagiert. Eine kurze Übersicht über die Debatte und die vollständige Antwort der AG-Sprecherin Marianne Heimbach-Steins gibt es als PDF-Dokument auf der Website der AG CSE.

Comments are closed.